Ein unpolitischer Dichter und Deserteur des Ersten Weltkriegs

Wilhelm Lehmann: Der Überläufer (Donat Verlag 2014)

Der vornehmlich als Naturlyriker bekannte Schriftsteller Wilhelm Lehmann (1882–1968) hat, man glaubt es kaum, einen der ersten Romane geschrieben, die das Thema Desertion im Ersten Weltkrieg behandeln – seine eigene Desertion 1918 –, verfasst im Jahre 1927.

Wilhelm Lehmann war mein Großvater. Er schenkte mir als Zwanzigjährigem seine damals als dreibändige Ausgabe erhältlichen Gesammelten Werke. Als echter Bücherwurm las ich bald darauf, Ehrenwort, jede einzelne Zeile. Mir gefielen auf Anhieb viele seiner Gedichte; dagegen die Erzählungen und Romane trotz oder wegen ihrer primär lyrischen Qualität (kein Wunder!) um Klassen weniger, vor allem wegen ihres sich immer wieder in anderer Gestalt wiederholenden, für mich als Familienmitglied, dem befangenen, allzu leicht dechiffrierbaren leidvollen autobiographischen Bezugs – noch dazu für mein Gefühl vor allzu vielem Schulhintergrund, war ich doch gerade der Schule erst glücklich entronnen (Wilhelm Lehmann war im Brotberuf Lehrer, stöhnte aber auch darüber).

Der einzige seiner Romane, der mich auf Anhieb regelrecht elektrisierte, war Der Überläufer, weil er als einziger etwas, ja überwältigend viel von der gesellschaftlichen Realität abbildete, die ich in den anderen so vermisste. Und zwar waren es tatsächlich genau die Abschnitte, die jetzt brandaktuell beim Bremer Donat Verlag als Neuausgabe erschienen sind: Krieg, Desertion und Gefangenschaft, die Wilhelm Lehmann aus eigenem Erleben minutiös und in durchaus ungewöhnlicher Weise schildert. Das Buch ist vorzüglich ediert und kommentiert von einem der besten Kenner des Werks Lehmanns, Wolfgang Menzel, und mit einem Geleitwort und dem eindrücklichen Cover des großen Günter Kunert überhaupt richtig gut und sehr schön geworden.

Kürzlich gab es die Buchpräsentation in zwei Städten. In Eckernförde, Lehmanns jahrzehntelanger Hauptwirkungsstätte, gab es die ers­te bei den alljährlich stattfindenden Wilhelm-Lehmann-Tagen [Bericht: Eckernförder Zeitung]. Dann am 13. Mai in Bremen, dort im zauberhaften Ambiente der Villa Sponte. Bei beiden war ich dabei.

In Bremen sprach ich auf Einladung des Verlegers Helmut Donat ein paar Worte. Ein kleines, feines Publikum lauschte wie gebannt der Einführung durch Donat selbst (flammende Lanze für alle Deserteure) und Menzel (ganz Wis­sen­schaft­ler), vor allem aber der wunderreichen Lesung durch den Schau­spie­ler Martin Heckmann. Donats berühmter Kartoffelsalat tat am Schluss das Übrige.

Ein außerordentlicher Abend, aus dem ich mein persönliches Resümee mitnehme: Meine »Helden« der jüngeren deutschen Geschichte sind all die bekannten und unbekannten politisch und pazifistisch motivierten Widerständler und Deserteure der beiden Weltkriege. Nicht geringer zu schätzen sind aber auch die Unpolitischen nach der Art Lehmanns, die genausowenig Hurra schreiend in den Krieg zogen. Und die, wenn sie doch ziehen mussten, seinen Irrsinn nicht ausgehalten haben und genauso todesmutig einfach »abgehauen« sind (O-Ton Lehmanns, des Dichters!, in seinem Tagebuch).

Der Überläufer bestellen:
Donat Verlag
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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Austausch über Großväter – hier zu „Der Überläufer“:

    Dieses Buch ist neben dem toskanischen Tagebuch die einzige belletristische Prosa Wilhelm Lehmanns, die ich gut lesen kann. Ein sonderbares sehr Ich-zentriertes Buch, das bei mir als Leser von der Spannung der genauen Naturbeobachtungen neben der genauen Schilderung der Kriegs-Schrecken lebt.

    Ein ganz anderer Ansatz als bei dem Buch von Remarque, der immer mitten im Geschehen lebt, während Wilhelm Lehmann doch als spezielle, sympathisch von der Normalität abweichende und etwas abseits stehende Figur sichtbar wird.

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