Die Wirklichkeitskonstrukte des John Fowles

Eine Annäherung an den großen englischen Romancier zu seinem 10. Todestag

John Fowles (Foto: AP)Vor zehn Jahren, am 5. November 2005, starb der englische Schriftsteller John Fowles, im kommenden Frühjahr 2016 wäre er neunzig geworden. Seine Geburt und sein Tod, viele Jahrzehnte seines Lebens und manche seiner Bücher spielten am Meer. In Leigh-on-Sea an der Themsemündung wurde er geboren, gestorben ist er in seinem langjährigen Wohnort Lyme Regis an der englischen Südküste, und das Warten am Kai oder auf Meeresklippen ist eines der Leitmotive seiner Romane, darunter der wohl bekannteste, Die Geliebte des französischen Leutnants aus dem Jahre 1969.

z.B. bei eBook.deJohn Fowles gilt in der englischsprachigen Welt als einer der bedeutendsten Romanciers der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Drei seiner sechs großen Romane, die alle auf dem spannenden Grat zwischen E- und U-Literatur balancieren, waren trotz ihrer nicht leichten Konsumierbarkeit Bestseller, über Die Geliebte des französischen Leutnants hinaus noch Der Magus von 1965 und Der Sammler (1963). In den 1990er Jahren wurde Fowles als Nobelpreiskandidat gehandelt, und auf Englisch gab es schon zu seinen Lebzeiten eine wahre Flut von Sekundärliteratur. (Im Deutschen bildet die groß angelegte Studie von Stefan Horlacher zur Visualität und Visualitätskritik im Werk von John Fowles aus dem Jahre 1998 eine Ausnahme.) Zwar erlebten auch im deutschen Sprachraum fast alle Fowles-Romane und -Erzählungen mehrere Neuauflagen, dennoch gilt er hier bei manchen Branchenprofis paradoxerweise als nicht durchgesetzt. Gründe dafür scheinen neben seiner gewissen Sperrigkeit seine hierzulande damals nicht so vertraute Ironie, sowie generell die notorische wechselseitige Zurückhaltung im deutsch-englischen Literaturaustausch. Überdies haben die in Fowles‘ Büchern versteckten despektierlichen Äußerungen über Deutsches sicher zur Lage beigetragen. Zum Beispiel heißt es bei ihm an einer Stelle: »Man muss für das kleinste Körnchen Humor dankbar sein, das von den Deutschen kommt.« Aber erheblich Sarkastischeres findet sich in seinem Werk über das eigene Land: »London, eine Stadt mausgrauer Toter.« England, härteren Tobak gewohnt, sieht es ihm nach. Schwerer hingegen zu verdauen ist vielleicht sein Hang zur philosophischen Reflexion, die je nach verfolgter Absicht seiner Figuren bewusst auch pseudophilosophisch sein kann und die er häufig ins Romangeschehen einflicht. Aber das machen andere Schriftsteller auch, ohne dass es ihrer Wertschätzung Abbruch tun würde (womöglich im Gegenteil), man denke nur an Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kunderas schon als Titel sprichwörtlich gewordenes Romanphilosophikum. Weiterlesen

Das Triple von John Fowles: »Der Magus« wird 50, und, und…

Jo Lendle hat vor einiger Zeit in seinem Blog ein kleines Alltagsmissgeschick geschildert und dazu keinen geringeren als den Weltgeist angerufen, dem man »vorgaukeln« können sollte, er, der Weltgeist, sei womöglich in der Lage, helfend einzugreifen. Auf diese Weise den Hegel von den Füßen wieder auf den Kopf gestellt bekommen, hätte ich seinem Weltgeist eine Menge Missgeschicke zum Eingreifen anzubieten. So antwortete ich Lendle: Ja, es wäre schön, wenn der Weltgeist sich zum Beispiel vorgaukeln ließe, dass die Rechte am Werk von John Fowles für den deutschen Sprachraum NICHT bei einer Londoner Agentur vor sich hin schmoren, seit der Verlag XYZ sie unbemerkt von der Branche und der Öffentlichkeit zurückgegeben hat. Weiterlesen

Ein unpolitischer Dichter und Deserteur des Ersten Weltkriegs

Wilhelm Lehmann: Der Überläufer (Donat Verlag 2014)

Der vornehmlich als Naturlyriker bekannte Schriftsteller Wilhelm Lehmann (1882–1968) hat, man glaubt es kaum, einen der ersten Romane geschrieben, die das Thema Desertion im Ersten Weltkrieg behandeln – seine eigene Desertion 1918 –, verfasst im Jahre 1927.

Wilhelm Lehmann war mein Großvater. Er schenkte mir als Zwanzigjährigem seine damals als dreibändige Ausgabe erhältlichen Gesammelten Werke. Als echter Bücherwurm las ich bald darauf, Ehrenwort, jede einzelne Zeile. Mir gefielen auf Anhieb viele seiner Gedichte; dagegen die Erzählungen und Romane trotz oder wegen ihrer primär lyrischen Qualität (kein Wunder!) um Klassen weniger, vor allem wegen ihres sich immer wieder in anderer Gestalt wiederholenden, für mich als Familienmitglied, dem befangenen, allzu leicht dechiffrierbaren leidvollen autobiographischen Bezugs – noch dazu für mein Gefühl vor allzu vielem Schulhintergrund, war ich doch gerade der Schule erst glücklich entronnen (Wilhelm Lehmann war im Brotberuf Lehrer, stöhnte aber auch darüber). Weiterlesen

Flegel, Magier und Vampirjäger

Jean Paul: Flegeljahre, Band 1 (Neufassung)Das Jean-Paul-Jahr 2013 ist vorbei, und mit meiner Flegeljahre-Übertragung in modernes Deutsch bin ich Mitspieler bei einer vielgestaltigen Jubelveranstaltung gewesen, von der niemand wissen kann, ob Jean Paul selber nicht einen Kübel kunstvollen Spott darüber gegossen hätte. Jedenfalls ist die Neuausgabe, wie ich höre, für viele LeserInnen ein Aha-Erlebnis und für mich, der ich Jean Paul durch die Arbeit an seinem Text sozusagen um einen Quantensprung genauer kennengelernt habe, ein Geschenk von unermesslichem Wert.

Die Folgebände der Flegeljahre müssen nun noch warten, bis laufende Projekte abgeschlossen sind. Denn ich stecke tief in etwas diametral Anderem: meiner Neuübersetzung des 700-Seiten-Romans Der Magus, dieses grandiosen Erstlings des Engländers John Fowles aus den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Weiterlesen

Jean Paul war Pop

Jean Paul: Flegeljahre, Band 1 (Neufassung)Meine Beschäftigung mit dem nun bald 251 Jahre alt gewordenen Jean Paul hat mehr mit Wilhelm Lehmann zu tun, meinem heute nur etwas mehr als halb so alten Großvater, als sich auf den ersten Blick erschließt. Genauer gesagt mit meinen Vätern und meiner jahrelangen li­te­ra­ri­schen Recherche-Reise zu ihnen, zumal mein Vater Berthold Lehmann ein fast noch größerer Jean-Paul-Verehrer war als sein Vater. Weiterlesen