John Fowles, die Bohème, die Musik und die Einfachheit

Quartier Latin in Paris, Adolfo Hohensteins Entwurf zur Uraufführung von La Bohème 1896. Quelle: Wikipedia (gemeinfrei).

Quartier Latin in Paris, Adolfo Hohensteins Entwurf zur Uraufführung von La Bohème 1896. Quelle: Wikipedia (gemeinfrei).


Neulich in der Oper, La Bohème, von Puccini: Die betörende Wirkung seiner Musik, von menschlichen Stimmen kunstvoll intoniert, die Bilder in Kopf und Seele. Schon bei den ersten Tönen des Liebespaars Mimi und Rodolfo die ersten Tränen in uns. Nicht nur in der Ahnung, dass ihre Geschichte unsäglich traurig ausgehen wird, sondern verstärkt durch Puccinis kaum erschöpfend analysierbares stilistisches Raffinement von Komposition und Instrumentation, das die Gefühle der meisten Menschen unmittelbar erreicht, ja sogar bestimmt. Manipulation? Und »Kitsch«, wie Adorno gesagt hätte? Vielleicht. Aber es klingen »einfach« archetypische Muster mit, deren Wirkungskraft sich kaum jemand entziehen kann.

Was das mit John Fowles zu tun hat? Weiterlesen

Deutsche John-Fowles-Gesellschaft gegründet

Foto: John Fowles.Am 5. November 2015, dem 10. Todestag des englischen Romanciers John Fowles (Die Geliebte des französischen Leutnants, Der Magus), hat sich eine Deutsche John-Fowles-Gesellschaft (DJFG) konstituiert. Sie präsentiert sich auf der Website des Literaturhauses Bremen. Die neue Gesellschaft verfolgt das Ziel, Fowles‘ Werk auf Deutsch wieder neu auflegen und für neue Lesegenerationen attraktiv werden zu lassen. Im deutschen Sprachraum drohe dem Autor sonst das Vergessen, da sein jahrzehntelanger deutscher Verlag ihn aus dem Programm genommen hat. Initiator der DJFG ist Michael Lehmann, Übersetzer und Literaturhaus-Bremen-Mitglied.

Zum Unterstützerkreis der jungen Gesellschaft zählen namhafte Anglisten und ausgewiesene Fowles-KennerInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wie Stefan Horlacher, Vera Nünning, Ansgar Nünning, Renate Brosch, Werner Wolf, Guido Isekenmeier, Gerd Bayer, Anton Kirchhofer und Damian Lehmann. Darüber hinaus wirbt die DJFG um möglichst zahlreiche Mitglieder, dabei ist an eine breite Streuung gedacht, bestehend aus »Einsteigern« und »fortgeschrittenen« LiebhaberInnen der Fowles’schen Werke wie der englischen Literatur ganz allgemein. An einer (kostenlosen) Mitgliedschaft Interessierte wenden sich bitte an diese Adresse: Weiterlesen

Die Wirklichkeitskonstrukte des John Fowles

Eine Annäherung an den großen englischen Romancier zu seinem 10. Todestag

John Fowles (Foto: AP)Vor zehn Jahren, am 5. November 2005, starb der englische Schriftsteller John Fowles, im kommenden Frühjahr 2016 wäre er neunzig geworden. Seine Geburt und sein Tod, viele Jahrzehnte seines Lebens und manche seiner Bücher spielten am Meer. In Leigh-on-Sea an der Themsemündung wurde er geboren, gestorben ist er in seinem langjährigen Wohnort Lyme Regis an der englischen Südküste, und das Warten am Kai oder auf Meeresklippen ist eines der Leitmotive seiner Romane, darunter der wohl bekannteste, Die Geliebte des französischen Leutnants aus dem Jahre 1969.

z.B. bei eBook.deJohn Fowles gilt in der englischsprachigen Welt als einer der bedeutendsten Romanciers der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Drei seiner sechs großen Romane, die alle auf dem spannenden Grat zwischen E- und U-Literatur balancieren, waren trotz ihrer nicht leichten Konsumierbarkeit Bestseller, über Die Geliebte des französischen Leutnants hinaus noch Der Magus von 1965 und Der Sammler (1963). In den 1990er Jahren wurde Fowles als Nobelpreiskandidat gehandelt, und auf Englisch gab es schon zu seinen Lebzeiten eine wahre Flut von Sekundärliteratur. (Im Deutschen bildet die groß angelegte Studie von Stefan Horlacher zur Visualität und Visualitätskritik im Werk von John Fowles aus dem Jahre 1998 eine Ausnahme.) Zwar erlebten auch im deutschen Sprachraum fast alle Fowles-Romane und -Erzählungen mehrere Neuauflagen, dennoch gilt er hier bei manchen Branchenprofis paradoxerweise als nicht durchgesetzt. Gründe dafür scheinen neben seiner gewissen Sperrigkeit seine hierzulande damals nicht so vertraute Ironie, sowie generell die notorische wechselseitige Zurückhaltung im deutsch-englischen Literaturaustausch. Überdies haben die in Fowles‘ Büchern versteckten despektierlichen Äußerungen über Deutsches sicher zur Lage beigetragen. Zum Beispiel heißt es bei ihm an einer Stelle: »Man muss für das kleinste Körnchen Humor dankbar sein, das von den Deutschen kommt.« Aber erheblich Sarkastischeres findet sich in seinem Werk über das eigene Land: »London, eine Stadt mausgrauer Toter.« England, härteren Tobak gewohnt, sieht es ihm nach. Schwerer hingegen zu verdauen ist vielleicht sein Hang zur philosophischen Reflexion, die je nach verfolgter Absicht seiner Figuren bewusst auch pseudophilosophisch sein kann und die er häufig ins Romangeschehen einflicht. Aber das machen andere Schriftsteller auch, ohne dass es ihrer Wertschätzung Abbruch tun würde (womöglich im Gegenteil), man denke nur an Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kunderas schon als Titel sprichwörtlich gewordenes Romanphilosophikum. Weiterlesen

Das Triple von John Fowles: »Der Magus« wird 50, und, und…

Jo Lendle hat vor einiger Zeit in seinem Blog ein kleines Alltagsmissgeschick geschildert und dazu keinen geringeren als den Weltgeist angerufen, dem man »vorgaukeln« können sollte, er, der Weltgeist, sei womöglich in der Lage, helfend einzugreifen. Auf diese Weise den Hegel von den Füßen wieder auf den Kopf gestellt bekommen, hätte ich seinem Weltgeist eine Menge Missgeschicke zum Eingreifen anzubieten. So antwortete ich Lendle: Ja, es wäre schön, wenn der Weltgeist sich zum Beispiel vorgaukeln ließe, dass die Rechte am Werk von John Fowles für den deutschen Sprachraum NICHT bei einer Londoner Agentur vor sich hin schmoren, seit der Verlag XYZ sie unbemerkt von der Branche und der Öffentlichkeit zurückgegeben hat. Weiterlesen

Ein unpolitischer Dichter und Deserteur des Ersten Weltkriegs

Wilhelm Lehmann: Der Überläufer (Donat Verlag 2014)

Der vornehmlich als Naturlyriker bekannte Schriftsteller Wilhelm Lehmann (1882–1968) hat, man glaubt es kaum, einen der ersten Romane geschrieben, die das Thema Desertion im Ersten Weltkrieg behandeln – seine eigene Desertion 1918 –, verfasst im Jahre 1927.

Wilhelm Lehmann war mein Großvater. Er schenkte mir als Zwanzigjährigem seine damals als dreibändige Ausgabe erhältlichen Gesammelten Werke. Als echter Bücherwurm las ich bald darauf, Ehrenwort, jede einzelne Zeile. Mir gefielen auf Anhieb viele seiner Gedichte; dagegen die Erzählungen und Romane trotz oder wegen ihrer primär lyrischen Qualität (kein Wunder!) um Klassen weniger, vor allem wegen ihres sich immer wieder in anderer Gestalt wiederholenden, für mich als Familienmitglied, dem befangenen, allzu leicht dechiffrierbaren leidvollen autobiographischen Bezugs – noch dazu für mein Gefühl vor allzu vielem Schulhintergrund, war ich doch gerade der Schule erst glücklich entronnen (Wilhelm Lehmann war im Brotberuf Lehrer, stöhnte aber auch darüber). Weiterlesen