Vom Architekten zum Buchautor

Michael Lehmann. Foto: Beate Ulich 2013.

Text/Foto: Beate Ulich, Nordsee-Zeitung (mit freundlicher Genehmigung).

Der berühmte Komponist Vincent Lübeck wurde 1654 in Padingbüttel geboren. Auch Tjede Peckes oder Deichgräfe Eibe Siade Johans haben hier einst ihr Leben verbracht. Michael Lehmann war ursprünglich Architekt und Stadtplaner in Essen und Frankfurt am Main, lebt seit einigen Jahren aber zusammen mit seiner Frau in einem malerischen Haus direkt am Altendeich. Als Übersetzer eng­lisch­spra­chi­ger Literatur und als Buchherausgeber zieht er seine Schaffenskraft besonders aus dem ruhigen Dorfleben.

Gerade erst hat Lehmann anlässlich des 250. Geburtstags des Schriftstellers Jean Paul, der eigentlich Johann Paul Friedrich Richter hieß, dessen biografischen Roman Flegeljahre neu verlegt. »Es war mir wichtig, einen der größten Sprachkünstler, Poeten und Satiriker unter den deutschsprachigen Romanciers vor dem Vergessen zu bewahren«, so Lehmann. Wirklich gelesen würde Jean Paul derzeit kaum noch. Um dies zu ändern, hat Lehmann den ersten Band des viel gerühmten Romanfragments Flegeljahre aus der heute schwer zu verstehenden Jean-Paul-Sprache des ausgehenden 18. Jahrhunderts in gemäßigt modernes Deutsch übertragen, ohne den einzigartigen Geist und Zauber Jean Pauls verlorengehen zu lassen.

»Ich komme ursprünglich aus einer Literaten- und Musikerfamilie«, erzählt der Autor. Als junger Mann hätte er unbedingt einen technischen Beruf ergreifen wollen, um sich aus diesem künstlerischen Umfeld zu lösen. Schon während seiner Zeit als Architekt und Stadtplaner zog ihn die Literatur dann aber doch immer weiter in ihren Bann. So richtig angefangen hätte seine Leidenschaft aber erst, als er ein über tausendseitiges Manuskript seines Vaters Berthold Lehmann in dessen Nachlass gefunden hatte. »Sein Leben als Komponist und Musiker ist mir beim Sichten und Sortieren der Blätter richtig bewusst geworden«, betont Lehmann heute. Als Nächstes übersetzte er dann eine Biografie über den Großvater Wilhelm Lehmann.

Regelrecht zu den Wurzeln gefunden hätte er durch diese Art der Familienforschung, gesteht Lehmann. So sei er nach und nach zum Schreiben und später dann auch zum Übersetzen gekommen. »Es hat mich richtig gepackt, ich hatte bis dahin gar nicht gewusst, was man alles mit Sprache machen kann«, fasst er seine Begeisterung zusammen. Nachdem die vier Kinder aus dem Haus sind, hat sich Lehmann anspruchsvollen Übersetzungen wie der Sammlung persönlicher Holocaust-Überlebensberichte von David Scrase gewidmet. Scrase hat als Holocaust-Forscher bereits mehr als 20 Bücher zu diesem Thema herausgegeben, weiß Lehmann. Mittlerweile ist der Amerikaner schon vier Mal in Padingbüttel zu Besuch gewesen und für ihn zum guten Freud [sic!] geworden.

Bernard Gotfryd hat ebenfalls seine eigene Überlebensstrategie literarisch verarbeitet. Sechs dieser kleinen Erzählungen sind von Lehmann zu einem Theaterstück zusammengefasst worden. »Ich wünsche mir, dass es in einem deutschen Theater einmal aufgeführt wird«, hofft Lehmann.

»Meine Frau und ich haben uns hier in Padingbüttel vom ersten Tag an wohl gefühlt«, schwärmt der Autor. Von den Bewohnern seien sie mit offenen Armen empfangen worden. »Wir leben in einer tollen Dorfgemeinschaft«, betont er immer wieder.

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten von Michael Lehmanns schriftstellerischen Werken und Übersetzungen sind im Internet zu finden. [http://neulesen.de]

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Herr Nachbar,

    nun lese ich das erste Mal in der Nordsee-Zeitung, dass wir nicht nur Nachbarn sondern auch Arbeiter in und an der deutschen Sprache sind. Glückwunsch zur gelungenen Präsentation! Möglicherweise treffen wir uns mal zum nachbarlichen Austausch? Ich las mit großem Interesse von Ihrem Vorhaben, den Holocaust zum Thema zu machen. Ich arbeite gerade an biographischen Skizzen über Mascha Kaléko, deren Schicksal als emigrierte Künstlerin, die dann nicht wieder in den Literaturzirkel der jungen Bundesrepublik aufgenommen wurde, beispielhaft für viele emigrierte Künstler steht. Herta Müller hat erst kürzlich im Spiegel darauf hingewiesen.

    Beste Grüße von Haus zu Haus
    Felicitas Gottschalk

    • Liebe Kollegen,

      wir könnten uns ja für ein Buch zusammen tun, bin selber übrigens auch Absolvent der TH Aachen, Diplom 1970 (Zlonicky, Böhm etc.). Wie sind Sie auf meine Seite geraten? Jean-Paul-Fans? Toll!

      Gruß
      Michael Lehmann

  2. Jean-Paul-Fans, das war das Stichwort ;-) Ein Kollege und dann auch noch TH Absolvent ;-) Das ist doch klasse, gerade dann haben wir doch mehr als nur einen gemeinsamen Schnittpunkt ;-) Ein gemeinsames Buchprojekt wäre wundervoll, leider fehlt uns dafür ein wenig Erfahrung ;-)

  3. Hallo Michael,

    ein tolles Projekt. Ich habe gestern die Hörprobe genossen. Ich habe viele Autoren, die ich gelesen habe, in der Sprache wiedergefunden. Ich finde das ganz toll von Dir.

    Liebe Grüße
    Thomas

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