Reaktionen auf die Neufassung der »Flegeljahre« von Jean Paul

Drei Wochen ist die Web­site neulesen.de nun schon on­line. Höchste Zeit also, über eine Aus­wahl erster Rück­mel­dung­en zu be­rich­ten.

Der Literaturkritiker Oliver Pfohl­mann schreibt: »Viel Erfolg für Ihr Online-Projekt, das ich gerne verfolgen werde, es klingt sehr spannend, auch Ihre Jean-Paul-Neufassung. Ich behalte Ihr Literaturprojekt generell im Hinter­kopf, denn das ist wirklich ein interessantes Thema.«

Kritischer dagegen der Buchautor Ulrich Grober: »Ja, Jean Paul ist wichtig. Ja, die Flegeljahre sind ein Schatz­käst­lein voller Kost­bar­kei­ten. […] Ja, das Buch ist heute so gut wie unlesbar. Aber woran liegt das? An Wortschatz und Satzbau? Ich glaube, eher nicht. Ich vermute, es liegt an der Fülle, Überfülle, Sprunghaftigkeit, dem chaotischen Strom der Ge­dan­ken, Motive, Anspielungen, Querverweise, die heutige Leser überfordern. Sie schreiben, Sie wollten den Roman übersetzen. Was kann das heißen? Ihn straffen, ohne seine Wildheit zu bändigen? Wie das gehen soll, kann ich mir nicht recht vor­stel­len. Wäre eine neue, die heutigen Schwie­rig­kei­ten berücksichtigende Einleitung und Einführung nebst entsprechenden Kommentaren nicht ein besser gangbarer Weg, um einen neuen Zugang zu erschließen? Aber sicher haben Sie das gründlich bedacht und Ihren Weg ausprobiert.«

Der Verleger Heinrich von Berenberg meint: »Zum ersten Mal verstehe ich, was Jean Paul da schreibt. Ich ziehe es dennoch vor, die unlesbare Nahrhaftigkeit seines verrückten Stils im Original weiterzulesen.«

Beim Wallstein Verlag ist man regelrecht entsetzt: »Wir würden ja auch Michelangelos Jüngstes Gericht nicht in einen Comic um­zeich­nen!«

Michelangelo: Das Jüngste Gericht (Public Domain)

Lektor Kristian Wachinger vom Hanser Verlag gibt sinngemäß zu bedenken: »Der Tristram Shandy etwa ist unter großem Kri­ti­ker­ap­plaus mehr­fach neu übersetzt worden, so dass er auf Deutsch immer leichter lesbar wurde und ein Langzeit-Bestseller geblieben ist. Das würden die Flegeljahre mit Sicherheit auch erleben, wenn Jean Paul Engländer gewesen wäre. Es ist seine Tragik, dass er es nicht war.«

Diese schöne, traurige und förmlich dialektische Erkenntnis gerade im letzten Beispiel ist es, die man als unüberwindbare Wand kaum stehen lassen mag. Will die vorliegende Neu­fas­sung also mit dem Kopf durch die Wand? Viele KommentatorInnen meinen: »Ja«. Und dass man sich dabei nur Beulen holen werde. Aber was sind schon Beulen, wenn damit ein Großer wie Jean Paul womöglich vor dem Vergessen bewahrt wird?

Link: Empfehlung vom ORF (Österreichischer Rundfunk)

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Literarische Gesellschaft Bremerhaven
    Dr. Dieter Strohmeyer

    Sehr geehrter Herr Lehmann,

    wir, das sind Bernd Hellrung und ich, sind z.Zt. die Vorsitzenden der gerade gegründeten Literarischen Gesellschaft und sind durch den Artikel in der NZ von Sebastian Loskant auf Sie aufmerksam geworden. Wir möchten Sie fragen, ob Sie nicht Lust hätten, uns über Ihre Arbeit etwas ausführlicher zu berichten, etwa so, wie sie Herr Loskant in den Grundzügen schon angedeutet hat. Wir haben vor vier Jahren eine Literaturreise nach Franken unternommen und sind dabei schon auf den Spuren von Jean Paul gewandelt. Unsere Gruppe besteht augenblicklich aus etwa 30 Personen und wir treffen uns regelmäßig in der Bibliothek der Scholl-Schule. Hätten Sie Lust?

    Freundlicher Gruß
    Dr. Dieter Strohmeyer

    • Sehr geehrter Dr. Strohmeyer,

      das ist ja toll, was auch im Norden Deutschlands – außerhalb der eigentlichen Jean-Paul-Gegend um Bayreuth herum – zur Feier seines 250. Geburtstags alles so auf die Beine gestellt wird. Natürlich bin ich sehr gerne dabei, wenn Sie mit mir und meiner Neufassung der „Flegeljahre“ eine literarische Veranstaltung machen wollen. Am besten besprechen wir Ihre Idee telefonisch weiter, ich rufe Sie in den nächsten Tagen gerne an.

      Bis dahin mit freundlichen Grüßen zurück
      Michael Lehmann

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